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Geistliches Wort der Woche: Zerrbilder menschlicher Beziehungen

Kaplan Gerhard Höberth aus unserer Nachbarpfarre Rudolfsheim schreibt

Gedanken zur aktuellen Situation in Kirche und Gesellschaft: Ursprünglich wollte ich meine Artikelserie zum Thema „Beziehungen“ in ande­rer Weise fortsetzen. Die jüngsten Entwicklungen aber lassen mir – wie so vielen anderen – keine Ruhe, verlangen nach Stellungnahme, Reaktion, gezieltem Handeln.

Wie eine Lawine rollte eine Flut von aufgedeckten sexuellen und pädagogischen Missbräuchen mehr oder weniger schweren Grades, begangen von Bi­schöfen, Priestern und kirchlichen Mitarbeitern, in den letzten Wochen über uns. Viele unter uns sind nun wie gelähmt, unter dieser Skandal-Lawine wie begraben, entmutigt und starr. Viele schämen sich für – ja, für wen eigentlich? Die Kirche? Den Glau­ben? Die Priesterschaft? Die Heuchelei und Vertu­schungstaktik?

Eines der schlimmsten Beziehungs-Zerrbilder ist die oberflächliche, lustorientierte sexuelle Belästigung und Verführung von Minderjährigen, Kindern, Schü­lern, Klienten, Patienten und anvertrauten Men­schen durch Geistliche, Lehrer, Therapeuten und Autoritätspersonen. Um ein vielfaches schlimmer, wenn so etwas durch Priester geschieht, die mit ih­rer ganzen Person für Christus stehen und ihn den Menschen bringen und schenken sollen. Die Heilige Schrift lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen üb­rig, welch hartes Gericht, welches Urteil und welche Strafe solche gefallenen Hirten zu erwarten haben. Freilich gilt für sie – wie für jeden Sünder – das An­gebot der Barmherzigkeit Gottes. Mit den irdischen Konsequenzen ihres Handelns müssen sie leben; sie müssen sich ihnen stellen, sie aufarbeiten und zur Verantwortung gezogen werden.

Auch wenn es schwerfällt, schauen wir nüchtern auf diese Entwicklung: Wer oder was ist schuld? Der Zölibat? Die kirchliche Sexualmoral? Verklemmtheit und Vertuschungsmechanismen? Eine Studie hat es vor wenigen Wochen dargelegt: Mehr als 99% der Missbrauchsfälle, die in den letzten Jahrzehnten in Deutschland aufgedeckt wurden, haben sich NICHT im kirchlichen Bereich ereignet. Die überwältigende Mehrheit der Übergriffe wiederum, die tatsächlich von Geistlichen begangen wurden, ist der Perver­sion der Pädophilie zuzuordnen, eine krankhafte Form von Sexual- und Beziehungsstörung, die gera­de nicht speziell mit dem Zölibat, dem Verzicht auf die Ehe, verbunden ist.

Immer wieder werden Pädophilen- und Kinderpor­no-Netzwerke aufgedeckt: Die Täter sind sehr oft verheiratete oder in Beziehung lebende Personen, immer wieder auch „ehrenwerte“ Mitglieder der Gesellschaft: Lehrer, Ärzte, Po­litiker, Juristen, Beamte. Ab und zu ist auch ein Priester da­runter – ja, entsetzlich, aber ein vergleichsweise sehr geringer Anteil. Politische Parteien, die heute die Kirche besonders in pauschalen Rundumschlägen und Vorverurteilungen angrei­fen, haben in den 70-er-Jahren viel über die „erotische Befreiung“ der Kinder phan­tasiert und – in der berüchtigten „Odenwaldschule“ in Deutschland sowie anderen ideologischen Institu­tionen – auch auf skandalöse und widerwärtige Art praktiziert. Oft wurde und wird das bis heute – ohne besondere Konsequenzen – von hohen politischen Verantwortlichen gedeckt.

Nein, ich will niemanden in der Kirche „weißwa­schen“. Ich möchte nur die Proportionen zurechtrü­cken. Der Kirche selbst ist völlig klar, was die Form einer gesunden und gelungenen Beziehungs- und Sexualkultur betrifft. Einzelne Amtsträger dieser Kir­che sind krank, haben sich schwer versündigt und kommen mit der biblisch-kirchlichen Lehre und ihrer spezifischen priesterlichen Berufung und Lebens­form nicht zurecht. Ja, vielleicht haben kirchliche Autoritäten – besonders die direkt zuständigen Bi­schöfe – nicht schnell und konsequent genug rea­giert und so das Leid der Opfer unnötig verlängert oder gar verschlimmert. Ja, wir müssen alles tun, um den Opfern Beistand, Hilfe und Begleitung zu ermöglichen.

Dass aber nun eine säkulare Gesellschaft, die nur so strotzt von sexuellen Perversionen und einer aktiv aufgebauten familien- und eheschädigenden Unkul­tur (deren Opfer zum Teil auch diese verführten Prie­ster wurden) sich so hämisch auf die Kirche stürzt, tut mir persönlich weh und empört mich. Zölibatäre und eheliche Lebensform, in Treue, mit Hingabe und Rücksichtnahme, mit Vergebungsbereitschaft, Ge­bet und Geduld gelebt, sind auf ihre je eigene Wei­se ein starker Schutz vor abartigen Versuchungen im Beziehungs- und Sexualbereich. Wer dennoch fällt (Zölibatsbruch, Ehebruch, Vergehen am Partner, an anvertrauten Menschen, an eigenen und fremden Kindern) braucht Hilfe, Vergebung, Therapie und darf nicht feig vor den Folgen seines Handelns da­vonlaufen oder sich wegschummeln!

Beten und handeln wir gemeinsam für einen Neu­beginn!

Kaplan Gerhard Höberth

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